Atem als Anker
Nicht stärker atmen. Erst einmal bemerken, wie du gerade atmest.
Manchmal ist der Kopf schon beim nächsten Gespräch, bei der nächsten Aufgabe oder wieder bei dem, was gestern passiert ist. Der Körper sitzt zwar hier. Innerlich bist du aber überall gleichzeitig.
In solchen Momenten kann der Atem zu einem Bezugspunkt werden. Nicht weil ein einziger Atemzug alle Probleme löst. Sondern weil Atmung immer gerade jetzt geschieht und dir etwas Konkretes zum Wahrnehmen gibt.
Dein Atem reagiert auf deinen Zustand
Atmung läuft meist automatisch. Gleichzeitig können wir sie für kurze Zeit bewusst verändern. Genau diese Verbindung macht sie besonders.
Bei körperlicher Belastung, Aufregung oder Stress kann die Atmung schneller, größer oder unregelmäßiger werden. In Ruhe wird sie häufig langsamer und leiser. Das ist keine starre Regel und nicht jede Veränderung ist problematisch. Atmung passt sich fortlaufend an das an, was dein Körper gerade braucht.
Wichtig ist deshalb nicht, ständig richtig atmen zu müssen. Entscheidend ist eher, ob deine Atmung nach einer Belastung wieder in einen ruhigen, unangestrengten Rhythmus zurückfindet.
Ruhig bedeutet nicht möglichst tief
Der Satz Atme einmal ganz tief ein ist gut gemeint. Bei innerer Unruhe kann ein besonders großer Atemzug das Gefühl von Luftnot oder Anspannung jedoch verstärken. Mehr Luft ist nicht automatisch besser.
In der funktionellen Atemarbeit bedeutet eine gute tiefe Atmung nicht, möglichst viel Luft in die Brust zu ziehen. Gemeint ist eine ruhige Bewegung des Zwerchfells. Der untere Brustkorb und der Bauch dürfen sich sanft bewegen, während Schultern und obere Brust möglichst wenig zusätzliche Arbeit übernehmen.
Wenn es angenehm möglich ist, hat die Nasenatmung im Alltag Vorteile: Die Nase filtert, erwärmt und befeuchtet die Luft. Trotzdem kann Mundatmung in bestimmten Situationen sinnvoll oder notwendig sein, zum Beispiel bei hoher körperlicher Belastung oder wenn die Nase vorübergehend nicht frei ist.
Was langsame Atmung bewirken kann
Langsame, freiwillig gesteuerte Atmung beeinflusst das Zusammenspiel von Atmung und Herzschlag. Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse fand akute Veränderungen verschiedener Herzratenvariabilitätswerte während langsamer Atmung.
Das ist ein gut untersuchbarer körperlicher Effekt. Es ist aber kein Beweis dafür, dass eine einzelne Atemübung Krankheiten behandelt, Traumata löst oder bei jedem Menschen automatisch beruhigend wirkt.
Manche Menschen fühlen sich mit verlangsamter Atmung schnell wohler. Andere werden zunächst unruhiger, besonders wenn sie die Atmung stark kontrollieren oder lange Atempausen einbauen. Deshalb arbeite ich im Alltag lieber mit einer einfachen, gut anpassbaren Orientierung als mit einem starren Zählmuster.
Eine ruhige Übung für zwischendurch
- Setz dich so hin, dass dein Körper getragen wird.
- Atme durch die Nase, wenn das ohne Anstrengung möglich ist.
- Lass den Atem klein und ruhig werden. Zieh nicht extra viel Luft ein.
- Spüre eine sanfte Bewegung im unteren Brustkorb oder Bauch.
- Lass die Ausatmung entspannt auslaufen. Sie darf etwas länger sein, muss es aber nicht.
- Beobachte einige Atemzüge und kehre dann zu deiner normalen Atmung zurück.
Wenn dir schwindelig wird, Luft fehlt oder die Übung unangenehm wird, hör auf und atme wieder so, wie es für dich natürlich ist. Bei bekannten Atemwegs-, Herz-Kreislauf- oder anderen gesundheitlichen Beschwerden sollte eine passende Atemübung individuell abgeklärt werden.
Funktionelle Atemarbeit und intensives Breathwork sind nicht dasselbe
Eine ruhige Atemübung im Alltag verfolgt ein anderes Ziel als eine intensive Breathwork-Session.
In der funktionellen Atemarbeit geht es um Atemgewohnheiten, Nasenatmung, eine passende Atemmechanik und Übungen, die sich realistisch in den Alltag integrieren lassen.
9D Breathwork nutzt zeitweise eine bewusst intensivere Atmung innerhalb eines vorbereiteten und begleiteten Erfahrungsraums. Dabei können deutliche körperliche oder emotionale Reaktionen auftreten. Deshalb gehören Kontraindikationen, eine klare Einweisung, Wahlfreiheit und Integration zwingend dazu.
Intensives Atmen ist nicht die Steigerung von funktioneller Atmung. Es ist ein anderes Werkzeug für einen anderen Zweck. Was in einer begleiteten Session passend sein kann, ist nicht automatisch die richtige Atmung für Schlaf, Meditation, Yoga oder einen angespannten Alltag.
Ein Anker muss nicht festhalten
Der Atem soll nicht zu einer weiteren Aufgabe werden, die du richtig machen musst. Er kann einfach eine Möglichkeit sein, dich für einen Moment wieder zu bemerken.
Vielleicht stellst du nur fest, dass du gerade die Luft anhältst. Vielleicht wird die Ausatmung von selbst etwas weicher. Vielleicht ändert sich gar nichts. Auch das ist in Ordnung.
Ein guter Anker zieht dich nicht gewaltsam irgendwohin. Er gibt dir Orientierung, während du selbst entscheidest, was du gerade brauchst.
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